Equilbrium

August 30, 2008

Equlibrium
(USA, 2002)

Equilibrium

Equilibrium

Inhaltsangabe des Verleihs:

Die Zukunft. Ein totalitäres System mit Bürgern ohne Emotionen. Die Regierung hat menschliche Gefühle zur Ursache für Krieg erklärt. Daher muss sich jeder Bürger täglich seine Dosis Prozium spritzen um sämtliche Gefühle zu unterdrücken.
Bücher, Kunst, kurz alles, was an frühere, gefühlsgeprägtere Zeiten erinnert, ist verboten.

Der Kleriker John Preston (Christian Bale) verfolgt unerbittlich jeden, der gegen die neuen Gesetze verstößt. Dabei macht er auch vor Kollen oder gar der eigenen Familie halt. Bis er eines Tages zufällig seine eigene Dosis Prozium vergisst.

Preston nimmt Kontakt zur Widerstandsbewegung auf, die ihn auffordert, das System zu stürzen. Er wird vom Verfolger zum Verfolgten…

Regie:
Kurt Wimmer
Darsteller:
Christian Bale: John Preston
Sean Bean: Errol Partridge
Emily Watson: Mary O’Brien
Taye Diggs: Kleriker Brandt
William Fichtner: Jurgen
Sean Pertwee: ‘Vater’
u.a.

Musik:
Klaus Badelt

Länge:
ca. 102 Minuten

FSK-Freigabe:
Ab 16 Jahren

Equilbrium ist einer jener wenigen Filme, deren deutsche „Direkt-auf-DVD“-Veröffentlichung ich nur mit einem Kopfschütteln bedenken kann.

Erzählt wird die scheinbar immer aktuelle Geschichte von einer verlorenen Gesellschaft, die von einer totalitären Regierung geknechtet, ihr karges Dasein fristet, zudem beraubt jeder Emotion. Erzählt wird die Geschichte eines scheinbar vergeblichen Kampfes einiger im Untergrund lebender Menschen, die sich nicht durch die Droge Prozium zu „lebenden Toten“ machen lassen wollen. Und erzählt wird die Geschichte des Grammaton Klerikers John Preston, der im Dienste der Regierung dieses „Sinnestäter“ gnadenlos verfolgt und selbst vor der Eliminierung selbiger im engsten Vertrautenkreis nicht zurückschreckt, bis ihm eines Tages die tägliche Dosis Prozium „abhanden“ kommt und er das erste mal erfährt, was es heißt zu fühlen…

Geschickt verknüpft Regisseur und Drehbuchautor Kurt Wimmer Element der Genreklassiker „Schöne neue Welt“, „1984″, „Fahrenheit 451″ – und ja, auch von „The Matrix“, und dennoch gelingt ihm dabei ein höchst eigenständiges, lebendiges Mahnmal, ein Meisterwerk, das in Zeiten von immer lauteren Rufen nach Freiheitseinschränkung zu Gunsten von mehr Sicherheit seitens der Politik sicherlich nicht nur zur bloßen Unterhaltung dienen sollte.

Den Kleriker John Preston verkörpert der britsche Ausnahmeschauspieler Christian Bale, inzwischen dank „Batman Begins“ zu internationaler Bekanntheit auch bei der Masse der Kinogänger gekommen. Und Bale trägt den Film; er ist die zentrale Figur, der Angelpunkt mit dem alles steht oder fällt. Er meister die Herausforderung großartig, denn die Rolle verlangt ihm wirklich extrem viel ab. Er muss überzeugend den kompromisslosen Kämpfer mimen, gleichzeitig aber auch den immer stärker werdenden inneren Konflikt überzeugend rüberbringen, den er im Laufe des Films mit sich austragen muss und der letztlich sogar in einer herzergreifenden Szene in seinem totalen Zusammenbruch mitten unter den Menschen und vor den Augen derer gipfelt, die für die Beseitigung solcher „Sinnes-Straftäter“ sorgen…
Knapp gesagt: Bale spielt Preston nicht, er IST Preston. Die Mimik ist auf den Punkt genau richtig, die Gefühle wie Wut, Verzweiflung, Entschlossenheit, Resignation, Sorge, Hass, all das kommt mit perfektem Spiel rüber.
Sein Partner und späterer Gegenspieler Taye Diggs wirkt dagegen schon fast blaß, denn letztlich kommt ihm „lediglich“ die Rolle des fiesen Opportunisten zu, welche er jedoch brilliant und mit sichtbarer Freude spielt.
Sehr gut gefallen hat mir auch Sean Bean in der Rolle von Prestons ersten Partner, Errol Partridge. Ohne zuviel zu verraten: Auch er bringt seinen -für sich bereits entschiedenen- inneren Konflikt durch seine Mimik, die von einem Hauch Melancholie getragen wird, wunderbar zum Ausdruck. Umso gewaltiger wird die emotionale Wucht der „Aussprache“ zwischen ihm und Preston.

Die Effekte sind exzellent, ebenso die Kameraarbeit und vor allem die ungewöhnliche Choreographie der Actionszenen. Für Equilibrium ersann Kurt Wimmer eigens das „Gun Kata“, eine Form der Selbstverteidigung, die mit Faustfeuerwaffen geschieht. Schwierig zu beschreiben, fantastisch anzusehen.

Den Score, den Klaus Badelt komponierte, kann man ebenfalls nur lobend erwähnen. Ganz klar aus Hans Zimmers „MediaVentures“-Schmiede, transportiert die Musik sowohl die Actionsequenzen hervorragend, als auch die dramatischen und tragischen Momente, die nicht gerade selten im Film zu sehen sind. Daß viele Stücke zudem regelrechten Ohrwurmcharakter besitzen, spricht ebenfalls für den Komponisten. Wie auch der Film an sich, ist der Score zu Equilibrium kein „Einmal hören und dann vergessen“-Erlebnis.

Fazit:
Bewegende, charaktergetriebene Geschichte, gepaart mit einigen der brilliantesten Actionszene der letzten Jahre – geht so etwas überhaupt?
Klare Antwort: Ja, es geht – und das sogar verdammt gut!
‘Equilibrium’ hat eine für Flimverhältnisse ungewohnt tiefgreifende Charakterisierung, die Triebfeder des Films sind keine plakativen Effekte, keine tollen Landschaftsaufnahmen, sondern Christian Bales brilliantes Schauspiel. Daß der Mann zudem noch Keanu Reeves vom Coolness-Thron kickt, ist zweitrangig, aber das schafft er ebensol locker wie das volle Programm an Emotionen glaubwürdig rüberzubringen. Und spätestens wenn er, bzw. sein Charakter in aller Öffentlichkeit weinend zusammenbricht, wünscht man ihm alle Kraft der Welt um dieses unmenschliche Regime zur Hölle zu jagen. Der Wunsch wird erhört – und der Zuschauer bekommt ein selten brilliantes Stück Unterhaltung geboten, das sowohl Drama-/Charakterliebhabern, als auch Actionjunkies gefallen wird. ‘Equilibrium’ ist ganz klar einer der Filme, die man gesehen haben _muss_.


Jamey – Das Kind, das zuviel wusste (Jonathan Kellerman)

August 3, 2008

Jamey – Das Kind, das zuviel wusste

Bearbeitete Fassung des Romans „Over The Edge“ von Jonathan Kellerman.

Ein Hörbuch von Lübbe Audio.
Gelesen von Reent Reins.

Umfang: 6 Audio-CDs.
Erstveröffentlichung: 2008.
Laufzeit: ca. 465 Minuten.
ISBN-Nummer: 978-3-7857-3524-4.

Inhaltsangabe des Verlags:

Der siebzehnjährige James leidet unter Wahnvorstellungen. Verzweifelt wendet er sich an den Psychologen Alex Delaware, doch bevor der ihm helfen kann, ist Jamey verschwunden. Gefunden wird er schließlich an einem Tatort – neben zwei schrecklich zugerichteten Leichen und mit einem Messer in der Hand. Delaware versucht, James Geheimnis zu ergründen und merkt viel zu spät, daß er in ein Wespennest gestochen hat…

Rezension von Ronny Schmidt:

Er ist Kinderpsychologe, der zu den angesehensten psychologischen Beratern des Kammergerichts von Los Angeles zählt und Fachbücher veröffentlicht.
Fachbücher? Nicht nur. Er ist zudem Autor bereits zahlreicher Kriminalromane, der bereits zu Beginn seiner literarischen Karriere mit dem Edgar Allan Poe Award und dem Anthony Award ausgezeichnet wurde und auch die New York Times frohlocken und zu einem Statement „Kellerman weiß, wie man Leser süctig macht“ hinreißen ließ. Zu recht, wie die vorliegende Produktion beweist.

In „Jamey – Das Kind, das zuviel wusste“ wird der Hörer mit einer in Populärkrimis eher vernachlässigten Art „Detektiv“ in einen Strudel aus Habgier, Macht und regelrecht erschreckendem Moralverfall geschickt. Ohne etwas von der Handlung verraten zu wollen, fragt man sich, wieviel unmenschliche, verstörende Schiksale Kellerman gesehen haben mag, um eine derart erschreckende, indes (leider) denkbare Handlung zu ersinnen.

Kellerman ist kein Freund aalglatter, fehlerfreier Charaktere. Zumindest fast. Neben der Ausnahme des noch etwas zu „glatten“ Psychologen Alex Delaware etablierte er hier einen homosexuellen Polizisten zu einer der Hauptfiguren – und das bereits 1987. Diesen baut er allerdings nicht als „Klischee-Tunte“ auf, sondern als dreidimensionalen Charakter.
Selbiges gilt für die Charakterisierung Jameys. Hier zahlt sich Kellermans berufliche Erfahrung und sein Wissen aus: Das Abdriften in den Wahnsinn des Jungen gelingt schmerzlich überzeugend. Man erfährt die Hintergründe, die Anfänge und bekommt den weiteren Verlauf fundiert und überzeugend vermittelt, so daß sich auch der Charakter Jamey nicht als Klischeeinkarnation entpuppt, sondern als komplexe Figur, die zwar größtenteils den Szenen absent ist, gleichsam eine Art „subtile Dauerpräsenz“ vermittelt und den Hörer am Ende nicht unbedingt mit einem Glücksgefühl entlässt.
Einzig störend: Bei der Übersetzung schlichen sich einige Ungeschicklichkeiten ein: Ich wage zu bezweifeln, daß Alex Delaware beispielsweise tatsächlich seinen „Motor anzuündet“ und dann losfährt und eine Kassette einlegt. Obschon die Vorstellung, der Psychologe mit dem brennenden Motorblock, der durch die Straßenschluchten der Großstadt fährt, recht amüsant ist (allerdings natürlich nicht zum Grundton der Erzählung passt)…

Als Leser wurde Reent Reins verpflichtet – und für mich ist Reins nicht mehr und nicht weniger als ein absoluter „Geheimtipp“ dieses Jahres. Was er für „Jamey“ abliefert, ist schlicht außergewöhnlich. Reins dürfte den meisten 80er-Fans noch als Synchronsprecher von Don Johnson in der TV-Serie „Miami Vice“ bekannt sein, doch als Schauspieler ist er selbst natürlich zu wesentlich mehr in der Lage. Zu wieviel mehr, das beweist er hier in beeindruckender Weise. Reins spielt die einzelnen Charaktere, jede Figur bekommt eine ganz eigene Coleur, selbst Dialoge zwischen den Charakteren lassen sich mühelos verfolgen, mehr noch: Durch Reins’ Leistung wird aus der Lesung regelrecht das vielbemühte, in diesem Fall jedoch absolut treffende „Kino für die Ohren“. Egal ob der überhebliche Anwalt, der unter einer Psychose leidende Jamey, Delawares Ehefrau, Chauffeur, Rocker, Punk – Reent Reins fackelt ein regelrechtes Feuerwerk ab und stellt sich somit selbst eine klare Empfehlung für weitere Lesungen aus.

„Jamey – Das Kind, das zuviel wusste“ entpuppt sich trotz des Alters der Story auch heute noch als packender Thriller, der durch seine nahezu perfekte Verbindung von Krimi und wissenschaftlicher Sachkenntnis, sowie durch interessante Charaktere, Wendungen und einem verdammt bösen Plot besticht. Gespielt von einem beeindruckenden Reent Reins, der mit seiner glänzenden Leistung aus dieser Lesung einen „Hörfilm“ macht, bleibt einem Krimi- und Thrillerfan eigentlich nur eine Wahl: Einlegen und dieser Achterbahn aus Wahnsinn und moralischem Werteverfall zu folgen.
Damit wäre der erste von bis dato 22 Alex Delaware Fällen in Hörform erhältlich – zudem als „Budget Titel“. Und mir bleibt lediglich die Hoffnung zu äußern, daß Lübbe Audio diese Reihe weiter im Auge behält – eine Fortführung wäre nach diesem grandiosen Erstling äußerst wünschenswert.


H.P. Lovecraft: Berge des Wahnsinns

Juli 23, 2008

H.P. Lovecrafts Bibiothek des Schreckens: Berge des Wahnsinns

Ein Hörbuch von LPL Records.
Regie: Lars-Peter Lueg
Erzähler: David Nathan
Umfang: 5 Audio-CDs
Erstveröffentlichung: 2008.
Laufzeit: ca. 346 Minuten.
ISBN-Nr.: 978-3-7857-3522-0
EAN-Nr.:  9783785735220

Inhaltsangabe des Verlags:

Bei einer Antarktis-Expedition stoßen Wissenschaftler auf die gefrorenen Leichen seltsamer Wesen. Angetrieben von unstillbarem Wissensdurst entdecken die Forscher ein riesiges, bis dahin unentdecktes Gebirge. In diesen Bergen des Wahnsinns stoßen sie auf eine verlassene, düstere Stadt, die scheinbar von den unbekannten Kreaturen erbaut wurde. Aber dann machen sie eine grauenhafte Entdeckung …

Rezension von Ronny Schmidt

Howard Philips Lovecraft dürfte wie kein zweiter Autor, das Horrorgenre repräsentieren. Geradezu legendär ist sein Cthulhu-Mythos, jener fantastische Rahmen um die „Großen Alten“, der sich bis in die heutige Zeit zahlloser Interpretationen erfreut und zur Inspiration ebenso zahlreicher und grundverschiedener Werke unterschiedlichester Coleur dient.

Lars-Peter Lueg, seines Zeichens Verlagschef von LPL, hat „es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Grauen aus kalten Kellern und feuchten Grüften hinaus in die Welt der Lebenden zu tragen“ – und das gelingt ihm seit Jahr und Tag mit den Hörbüchern seines Verlags ganz hervorragend.

Den Cthulhu-Mythos griff man in dieser Hörbuchreihe bereits öfters auf; mit „Berge des Wahnsinns“ hat man sich nun allerdings das Aushängeschild, gleichsam aber auch die Demystifikation“ dieses Mythos vorgenommen – und eine ungemein fesselnde, geradezu hypnotische Lesung geschaffen, die sämtliche Stärken Lovecrafts vereint, sei es seine Wortwahl, die für derartige Literatur eigentlich ungewöhnlich komplexen Satzbauten, die kalte, teils morbide Atmosphäre, sein Gespür dafür, aus den Tagebucheinträgen seines Akteurs eine umfassende und schlicht beeindruckende Erkundungsreise ins Unheimliche zu machen.

David Nathan besticht als Erzähler – einmal mehr. Er lebt diese, zugegeben schwierige, Vorlage regelrecht, und schafft sogar die gemeinhin unglaublich schwierige, eigentlich unlösbare Aufgabe, aus diesem „Qausi-Tagebuch“ einen „Film im Ohr“ zu erzeugen, obschon der beschreibende Stil eben dies hätte verhindern können. Können, wie gesagt, denn Nathans Leistung ist beeindruckend und so wird aus „Berge des Wahnsinns“ in Hörform ein hypnotischer Strudel aus wissenschaftlicher „Trockenheit“ und beängstigenden Szenarien, unterschwelliger Bedrohung, der den Hörer in der Tat bis zur wortwörtlich letzten Sekunde festhält. Es ist faszinierend, wie galant Lueg und in Ausführung Nathan die „Todesklippe“, die sich durch den Stil der Vorlage freilich ergibt, umfahren und eine schlicht brilliante Hörproduktion abliefern, die man durchaus als Synonym für „Scientific Horror“ bezeichnen kann und der bislang eher „traditionell-übernatürlichen“ Betrachtungsweise der „Großen Alten“ eine wissenschaftliche, jedoch ebenfalls ungemein unheimliche Wendung gibt.

Lesungen bei LPL sind seit Beginn an eng mit den faszinierenden Klängen Andy Materns verbunden und auch „Berge des Wahnsinns“ beweist einmal mehr Materns Gespür für Atmosphärenerzeugung via elektronischer Klänge. Materns Stücke in Kombination mit Nathans Leistung erzeugen ein schier überwältigendes Gesamtwerk und der Hörer fühlt sich regelrecht an den Ort des Geschehens versetzt, spürt die Kälte des ewigen Eises und die Bedrohung der bizarren Begebenheiten und der titelgebenden Gebirge mit ihren sonderlichen Gebilden und Überresten einer unbekannten Spezies.
„Berge des Wahnsinns“ – eine verdammt schwierige, indes wegweisende Vorlage entpuppt sich in Hörform als schlicht brillianter Eintrag der Hörbuchreihe „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, für mich sogar der bislang mit Abstand beste Eintrag.
David Nathan besticht mit einer schlicht beeindruckenden Leistung und Andy Materns musikalisches Können lässt in Kombination mit Nathans Leistung ein überwätligendes, atmosphärisch extrem dichtes Gesamtwerk entstehen. Die bislang definitiv beste Lovecraft-Vertonung – ein hypnotischer Strudel, der erst mit dem Ende der letzten CD endet.

Weiterführende Links:


David Ignatius: Der Mann, der niemals lebte

Juli 1, 2008

David Ignatius
Der Mann, der niemals lebte

Gelesen von Johannes Steck.

Der Mann, der niemals lebte. Hörbuch gelesen von Johannes Steck. Erschienen bei Audiobuch, 2008.

Umfang: 6 Audio-CDs.
ISBN: 978-3-89964-302-2

In europäischen Großstädten explodieren Autobomben der al-Qaida. Die CIA ist ratlos: Wer ist der Drahtzieher der Attentate? Wie können die geheimen Pläne der Terrororganisation aufgedeckt und vereitelt werden? Jeder Versuch der verbündeten Geheimdienste, einen Maulwurf bei al-Qaida einzuschleusen, schlug bisher fehl.
Da kommt der in Jordanien stationierte CIA-Agent und Nahost-Experte Ferris auf eine geniale Idee: Wenn man die Organisation nicht infiltrieren kann, muß man eben so tun als ob.
Ausgestattet mit brisanten Unterlagen wird eine Leiche im Libanon plaziert. Und tatsächlich: Das trojanische Pferd erzielt seinen gewünschten Erfolg. Doch dann wird Ferris plötzlich selbst entführt und muß sich erstmals fragen, welchen Preis er für die Verteidigung seiner Prinzipien zu zahlen bereit ist …

Rezension von Ronny Schmidt.

Ein Thriller, der sich den „Krieg gegen den Terrorismus“ zum Thema nimmt, kann völlig danben gehen. Glücklicherweise ist David Ignatius dieses Dilemma erspart geblieben, denn mit „Body of Lies“, bzw. „Der Mann, der niemals lebte“ liefert er den Beweis dafür, daß intelligente Agententhriller keine triefenden Klischees brauchen, um zu funktionieren.

Gleich vorweg: Wer „heroische Amerikaner schlagen bösen, bösen Terroristen (natürlich islamistischen Glaubens) wieder so richtig klischeebeladen ein Schnippchen“ erwartet, sollte sich andere Kost suchen. Ignatius hat keine saubere CNN-Variante gezaubert, sondern einen Roman, der auf beiden Seiten, sowohl der Amerikaner, als auch der Araber, das triefende Schwarz/Weiß-Getue verbannt und zeigt, daß auf beiden Seiten Menschen agieren, die manipulieren können, die betrügen, belügen, aber auch lieben und für ihre Prinzipien eintreten können.

Nun ist „Der Mann, der niemals lebte“ kein Islam-Bashing, ebensowenig wie ein Anti-Amerika Pamphlet. Und dabei kommt Ignatius gänzlich ohne „erhobenen Zeigefinger“ aus, einfach nur indem er Charaktere agieren lässt und keine von Wahlkampfplakaten und Fahndungslisten entliehene, eindimensionale Klischees. Exemplarisch hat der „normale“ Held in Agenthrillern immer eine reine Weste, schafft ohne ernsthafte Probleme alles – nur hat Roger Ferris weder eine reine Weste, noch durchschreitet er das Intrigenspiel ohne Blessuren.
Andersrum agieren auch die sonst in ähnlichen Romanen immer als rückständig und/oder sinnlos brutal agierenden Araber hier auch nicht den allseits bekannten Klischees entsprechend. Und auch die amerikanische CIA, insbesondere personifiziert durch Ed Hoffman, bekommt eine ordentliche Portion Kritik an der amerikanischen Überheblichkeit den Arabern gegenüber ab, also imho durchaus realistisch(er) als viele andere Romane dieses Genres.
Niemand hat in diesem Thriller den „Gut“- oder „Böse“-Schein in reinem Schwarz oder reinem Weiß gepachtet – das darzustellen und vor allem als essentiellen Bestandteil seiner bitterböse durchdachten Handlung zu etablieren, ist Ignatius perfekt gelungen.

Vorgetragen wird das Ganze von Johannes Steck, der beispielsweise bereits im Hörbuch zu Simon Becketts „Die Chemie des Todes“ bewies, daß er nicht nur eine verdammt markante, sondern auch eine passende Stimme hat, wenn es darum geht, Thriller zu tragen.
Und auch hier erweist sich Steck als Glücksgriff. Er haucht den Figuren Leben ein, variiert den Tonus seiner Stimme entsprechend und lässt auch den hier und da nötigen arabischen Dialekt passend und imo (in meinen Ohren) nicht unfreiwillig komisch einfließen. Steck verleiht zudem den Emotionen der Akteure Gewicht. Er schreit, er röchelt, er flucht – und lässt durch die Authentizität den „Film im Kopf“ entstehen.

Bleibt als Fazit: „Der Mann, der niemals lebte“ gehört in die Sammlung eines jeden, wirklich jeden Agententhriller-Fans, der einem Schuß Realismus nicht abgeneigt ist. David Ignatius ist ein brillianter Thriller gelungen, der den Hörer in eine ziemlich ungeschönte Welt der Spionage zieht und auf tumbe Schwarz/Weiß-Malerei verzichtet.
Vorgetragen von einem verdammt gut aufgelegten Johannes Steck, avanciert „Der Mann, der niemals lebte“ zu einem ungheuer intensiven „Film im Kopf“, den sich Hörbuchfans im Gesamten, Thrillerfreunde im Besonderen definitiv nicht entgehen lassen können.

Der Roman wird derzeit von Ridley Scott (Alien, Blade Runner, Gladiator, Black Hawk Down, Thelma & Louise, 1492) verfilmt. In den Hauptrollen Leonardo DiCaprio und Russell Crowe.
Geplanter Bundesstart: 23. Oktober 2008.

Weiterführende Links:
Offizielle Website von Johannes Steck
Offizielle Website Audiobuch Verlag


Jean-Christophé Grange: Das Imperium der Wölfe

Juli 1, 2008

Jean-Christophe Grangé:
Das Imperium der Wölfe

Gelesen von: Joachim Kerzel.

Das Imerpium der Wölfe. Hörbuch gelesen von Joachim Kerzel. Erschienen bei Lübbe Audio, 2008.

Inszenierte Lesung.
Umfang: 6 Audio-CDs.
Erschienen bei Lübbe Audio, 2008.

Als im Pariser Türkenviertel drei unglaublich grausame Morde an
rothaarigen Frauen geschehen, tritt Inspektor Paul auf den Plan.
Was zunächst wie die Tat eines wahnsinnigen Serienmörders wirkt,
steht schon bald in Zusammenhang mit der türkischen Mafia.
Bei den Opfern handelt es sich offenbar um »Fehlgriffe«, denn es
ist eine ganz bestimmte Frau, auf die es der Mörder abgesehen hat …

Rezension von Ronny Schmidt.

Bereits vor einigen Jahren schlüpfte Joachim Kerzel stimmlich in die Rolle des Hardcore-Cops im Ruhestand, Luis Schiffer. Damals als Synchronstimme von Jean Reno, kehrt er hier nun zurück in die bizarre Welt aus Wahnsinn, politischem Verschwörungsthriller und serie noir.
Die Vorlage von Grangé startet realtiv zäh, bedingt durch das Aufbauen zweier Handlungsstränge, die im weiteren Verlauf natürlich miteinander verwoben werden. Auf der einen Seite reaktiviert ein junger Polizist einen extrem brutalen, wie auch zwiespältigen Ex-Cop, auf der anderen Seite ist eine junge Pariserin auf der Suche nach der Quelle ihrer Amnesie und den Gründen ihrer immer extremer werdenden Wahnvorstellungen.
Letzteres verläuft anfangs sehr langatmig, für meinen Geschmack *zu* langatmig. Hat man jedoch diese „Startschwierigkeiten“ überwunden, legt die Handlung an Tempo zu und man fühlt sich alsbald wieder regelrecht „heimisch“ in Grangés düster-brutaler Welt der Beklemmung.

Einziges weiteres Manko: Grangé baut neben dem Charakter der Anna Aimes sein „dynamisches Duo“ auf: Zwei Cops, die sich gegenseitig brauchen, aber bei denen man nie weiß, ob und wer wen eventuell verlädt. Und auf einmal spielen beide keine Rolle mehr? Ok, bei einem ist es nachvollziehbar, bei Nr. 2 indes wirkt es durchaus befremdlich, frei nach dem Motto: „Huch – war da noch jemand? Naja, egal.“
Inszenierte Lesung – da hat der geneigte Hörer natürlich direkt die von Lübbe Audio selbst gelegte Meßlatte „im Ohr“, doch auch hier braucht es einige Zeit, bis man sich „warmgelaufen“ hat. Setzte man beim „Herz der Hölle“ oder besonders beim „Flug der Störche“ auf akzentuierenden Einsatz von Musik und Effekten, so aast man zu Beginn regelrecht mit der Musik rum. Ellenlang wummert düstere Musik durch die Pathologie, akzentuiert nicht, sondern „ertränkt“ Szenen regelrecht.
Doch wie auch bei der Handlung, steigert man sich hier enorm. Zwar toppt man keinesfalls „Das Herz der Hölle“ oder den mit dem Ohrkanus als beste Lesung 2007 ausgezeichneten „Flug der Störche“, doch viel fehlt nicht um erneut in dieser erstklassigen Liga zu spielen.
Joachim Kerzel als Erzähler – was soll, oder besser: kann man noch schreiben, was nicht schon zig mal geschrieben und gesagt wurde? Kerzel ist ein Stimmmeister, ein Virtuose, der die unterschiedlichsten Stimmungen und Atmosphären allein Kraft seiner unvergleichlichen Stimme greifbar und zu einem Hörerlebnis macht.

„Das Imperium der Wölfe“ macht da keine Ausnahme: Kerzel ist und bleibt ein Gigant, der auch dieses Hörbuch einmal mehr zum Erlebnis macht.

Fazit: Auf Grund der Vorlage und der inszenatorischen „Warmlaufphase“ nicht so stark wie „Das Herz der Hölle“ und „Der Flug der Störche“, aber für Fans des französischen Thriller-Meisters allemal eine Empfehlung.


F. Paul Wilson: Handyman Jack – Schmutzige Tricks (gelesen von Detlef Bierstedt)

Juli 1, 2008

F. Paul Wilson:
Handyman Jack: Schmutzige Tricks

Handyman Jack - Schmutzige Tricks. Hörbuch gelesen von Detlef Bierstedt. Erschienen bei LPL Records, 2008.

Gelesen von: Detlef Bierstedt
Regie, Produtkion & Dramaturgie: Lars-Peter Lueg
Schnitt, Musik & Tontechnik: Andy Matern
3 Audio-CDs | ungekürzte Lesung
Erschienen bei LPL Records, 2008.

Wenn der Abfluß mal verstopft ist, sollte man Handyman Jack lieber nicht rufen.
Jack repariert nämlich andere Sachen: Probleme, mit denen sonst niemand fertig wird. Er kümmert sich für gutes Geld darum, daß Unrecht bestraft wird.
Dabei verlässt er sich auf eine Kombination aus Können und Dreistigkeit.
Handyman Jack ist ein Held – aber auch ein Rätsel. Er lebt im Untergrund.
Niemand kenn seine Identität. Jack verkörpert eine tödliche Mischung aus
„Zorro“ und Bruce Willis.

Rezension von Ronny Schmidt

Wenn Stephen King und Dean Koontz nahezu unisono auf ein Werk regelrecht abfeiern, dann hat dies durchaus Signalwirkung. Wenn sich King zudem noch als „Präsident des Handyman Jack Fanclubs’ zu Lobeshymnen hinreißen lässt und Koontz die Figur von F. Paul Wilson als „eine der originellsten und faszinierendsten Figuren zeitgenössischer Literatur“ beschreibt, dann sollte man vielleicht mal mehr als nur ein Auge oder ein Ohr riskieren.

In der Tat, die Geschichte um das „Phantom“ Jack zieht einen von der ersten Sekunde an in ihren Bann. Wilson schafft es, den Hauptcharakter nebst seiner Fähigkeiten, aber auch seiner liebenswerten Spleens in packenden Geschichten agieren zu lassen, die Thrillerunterhaltung mit, insbesondere in «Zwischenspiel im Drugstore» vorhandenem, triefend schwarzem Humor verquicken, daß es einem Quentin Tarantino zu Ehren gereichte. Jack selbst kommt dabei wie eine Kreuzung aus Ein-Mann-Version des „A-Teams“ und John McClane daher.
Die Stories sind hart, schnell, spannend und „pulp“. Wilson hetzt seinen Hauptcharakter durch irrwitzige, teils geradezu abstruse Situationen, gesatattet ihm „Macken“ wie die alljährliche Kranzniederlegung auf dem Empire State Building zu Ehren King Kongs oder Shurikentraining mit Kakerlake – und all dies ohne daß dieser scheinbare Widerspruch zwischen  Suspense und Humor negativ zu Buche schlägt, im Gegenteil: Es zeichnet gerade die Einführung aus und passt perfekt in die Welt des titelgebenden „Handyman“.

Handlungstechnisch spielen sich drei Geschichten in diesem Hörbuch ab, alle drei gänzlich unterschiedlich und zu keinem Moment auch nur ansatzweise langweilend. Diese schräge Tour de force scheint auch Erzähler Detlef Bierstedt zu gefallen, denn mit hörbarem Spaß an dieser skurilen Figur agiert er, wie ich ihn bislang noch nicht als Erzähler erlebte. Nicht distanziert, sondern“ mittendrin“, Bierstedt spielt die unterschiedlichen Figuren, verleiht ihnen eine jeweils passende Coleur und reißt den Hörer von Anfang an mit in die Welt des Autors und die irrwitzigen Episoden um den Titelcharakter. Detlef Bierstedt liefert hier eine in jedem Punkt grandiose Erzählung ab, bringt genau die richtige Portion augenzwinkernder „Unernsthaftigkeit“ ein, die zu den harten und ja, auch durchaus brutalen Thrillparts den für Pulp typischen Gegensatz bildet und die man wunderbar hätte überspitzen können.
So gelingt Bierstedt jedoch die Wanderung auf diesem äußerst schmalen Grat zwischen reinem Thrillermodus und dem schwarzen Humor Wilsons auf brilliante Art und Weise.

Mit „Handyman Jack“ lässt LPL Records eine neue und äußerst gelungene Hörbuchreihe auf den Markt los, die sich wie Tarantinos Filme gewohnten Konventionen verschließt, dafür jedoch als völlig (positiv) irre Spielwiese mit interessanten Charakteren, einer ordentlichen Portion Härte und nicht zuletzt mit packenden Geschichten und einer Prise Augenzwinkern erfrischend anders und unkonventionell daherkommt.
Thrillerfreunde im Gesamten und „Pulp“-Liebhaber im Besonderen kommen an dieser Reihe nicht vorbei. Jack rockt!