H.P. Lovecraft: Berge des Wahnsinns

Juli 23, 2008

H.P. Lovecrafts Bibiothek des Schreckens: Berge des Wahnsinns

Ein Hörbuch von LPL Records.
Regie: Lars-Peter Lueg
Erzähler: David Nathan
Umfang: 5 Audio-CDs
Erstveröffentlichung: 2008.
Laufzeit: ca. 346 Minuten.
ISBN-Nr.: 978-3-7857-3522-0
EAN-Nr.:  9783785735220

Inhaltsangabe des Verlags:

Bei einer Antarktis-Expedition stoßen Wissenschaftler auf die gefrorenen Leichen seltsamer Wesen. Angetrieben von unstillbarem Wissensdurst entdecken die Forscher ein riesiges, bis dahin unentdecktes Gebirge. In diesen Bergen des Wahnsinns stoßen sie auf eine verlassene, düstere Stadt, die scheinbar von den unbekannten Kreaturen erbaut wurde. Aber dann machen sie eine grauenhafte Entdeckung …

Rezension von Ronny Schmidt

Howard Philips Lovecraft dürfte wie kein zweiter Autor, das Horrorgenre repräsentieren. Geradezu legendär ist sein Cthulhu-Mythos, jener fantastische Rahmen um die „Großen Alten“, der sich bis in die heutige Zeit zahlloser Interpretationen erfreut und zur Inspiration ebenso zahlreicher und grundverschiedener Werke unterschiedlichester Coleur dient.

Lars-Peter Lueg, seines Zeichens Verlagschef von LPL, hat „es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Grauen aus kalten Kellern und feuchten Grüften hinaus in die Welt der Lebenden zu tragen“ – und das gelingt ihm seit Jahr und Tag mit den Hörbüchern seines Verlags ganz hervorragend.

Den Cthulhu-Mythos griff man in dieser Hörbuchreihe bereits öfters auf; mit „Berge des Wahnsinns“ hat man sich nun allerdings das Aushängeschild, gleichsam aber auch die Demystifikation“ dieses Mythos vorgenommen – und eine ungemein fesselnde, geradezu hypnotische Lesung geschaffen, die sämtliche Stärken Lovecrafts vereint, sei es seine Wortwahl, die für derartige Literatur eigentlich ungewöhnlich komplexen Satzbauten, die kalte, teils morbide Atmosphäre, sein Gespür dafür, aus den Tagebucheinträgen seines Akteurs eine umfassende und schlicht beeindruckende Erkundungsreise ins Unheimliche zu machen.

David Nathan besticht als Erzähler – einmal mehr. Er lebt diese, zugegeben schwierige, Vorlage regelrecht, und schafft sogar die gemeinhin unglaublich schwierige, eigentlich unlösbare Aufgabe, aus diesem „Qausi-Tagebuch“ einen „Film im Ohr“ zu erzeugen, obschon der beschreibende Stil eben dies hätte verhindern können. Können, wie gesagt, denn Nathans Leistung ist beeindruckend und so wird aus „Berge des Wahnsinns“ in Hörform ein hypnotischer Strudel aus wissenschaftlicher „Trockenheit“ und beängstigenden Szenarien, unterschwelliger Bedrohung, der den Hörer in der Tat bis zur wortwörtlich letzten Sekunde festhält. Es ist faszinierend, wie galant Lueg und in Ausführung Nathan die „Todesklippe“, die sich durch den Stil der Vorlage freilich ergibt, umfahren und eine schlicht brilliante Hörproduktion abliefern, die man durchaus als Synonym für „Scientific Horror“ bezeichnen kann und der bislang eher „traditionell-übernatürlichen“ Betrachtungsweise der „Großen Alten“ eine wissenschaftliche, jedoch ebenfalls ungemein unheimliche Wendung gibt.

Lesungen bei LPL sind seit Beginn an eng mit den faszinierenden Klängen Andy Materns verbunden und auch „Berge des Wahnsinns“ beweist einmal mehr Materns Gespür für Atmosphärenerzeugung via elektronischer Klänge. Materns Stücke in Kombination mit Nathans Leistung erzeugen ein schier überwältigendes Gesamtwerk und der Hörer fühlt sich regelrecht an den Ort des Geschehens versetzt, spürt die Kälte des ewigen Eises und die Bedrohung der bizarren Begebenheiten und der titelgebenden Gebirge mit ihren sonderlichen Gebilden und Überresten einer unbekannten Spezies.
„Berge des Wahnsinns“ – eine verdammt schwierige, indes wegweisende Vorlage entpuppt sich in Hörform als schlicht brillianter Eintrag der Hörbuchreihe „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, für mich sogar der bislang mit Abstand beste Eintrag.
David Nathan besticht mit einer schlicht beeindruckenden Leistung und Andy Materns musikalisches Können lässt in Kombination mit Nathans Leistung ein überwätligendes, atmosphärisch extrem dichtes Gesamtwerk entstehen. Die bislang definitiv beste Lovecraft-Vertonung – ein hypnotischer Strudel, der erst mit dem Ende der letzten CD endet.

Weiterführende Links:


Gruselkabinett -22- : Der fliegende Holländer

Juli 2, 2008

Gruselkabinett -22- : Der fliegende Holländer
nach Heinrich Heines „Die Memoiren des Herren von Schnabelewopski“.

Der fliegende Holländer. Ein Hörspiel nach Motiven von Heinrich Heine. Titania Medien, 2008.

Ein Hörspiel von Marc Gruppe.
Umfang: 1 Audio-CD.
Erstveröffentlichung: November 2007.
Laufzeit: ca. 60 Minuten.
ISBN-Nummer: 978-3-7857-3350-9.

Es sprechen:
David Nathan, Wolfgang Condrus, Roland Hemmo, Barbara Adolph, Uli Krohm, Simon Jäger, Tommy Morgenstern, Nicolas Artajo, Thomas Nero Wolff, Dascha Lehmann und Heinz Ostermann.

Inhaltsangabe des Verlags:

Bis in alle Ewigkeit verflucht, muss das Geisterschiff des fliegenden Holländers die Weltmeere auf der Suche nach der ersehnten Erlösung der Mannschaft durchstreifen. Unheil droht demjenigen, der dem rotglühenden Dreimaster in stürmischer Nacht begegnet. Verderben hingegen wird dem zuteil, der sich mit dem verfluchten Kapitän des Seglers einlässt …

Rezension von Ronny Schmidt

Lang bevor Kapitän Jack Sparrow auf den zu ewigen Leben verdammten Barbossa traf, spukte eine ähnlich klingende Geschichte durch die Welt und fand sich in allerlei Kunstgattungen wieder, in denen sich zwei besonders bekannte Namen befinden. Richard Wagner, der seine gewaltige Oper 1843 uraufführte – und diese nie hätte komponieren können, wäre er nicht einige Jahre zuvor über Heinrich Heines „Die Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ gestolpert.

Auf Motiven selbiger basiert der bereits zweiundzwanzigste Eintrag in der erfolgreichen Historie von Titania Mediens „Gruselkabinett“.

Marc Gruppe und Stephan Bosenius haben sich von Anfang an der Schauerromantik verschrieben. Respektive keine sinn- und handlungslosen Metzelorgien, in denen uninteressante Klischeeinkarnationen durch langweilige Handlungsversätze, so man sie so nennen möchte, von einem Blutbad zum nächsten waten. Sowohl Gruppe, als auch Bosenius haben in den bereits über zwei Dutzend umfassenden Geschichten des „Gruselkabinetts“ bewiesen, daß es um mehr geht: Charaktere, die beim Hörer Empathie wecken und Emotionen, die nicht durch Hektoliterweise vergossenes (Hör-)Blut erzeugt werden können.

In exakt dieser Tradition präsentiert sich auch „Der fliegende Holländer“, und ist, mehr noch als die vorigen Folgen, Aushängeschild für den Begriff „Schauerromantik“. Geradezu brilliant ist die „Erzählung in der Erzählung in der Erzählung“. Das Skript ist von herausragender Qualität, offeriert diese Art der Erzählweise doch gleich etliche Fallen, die indes galant umgangen wurden. Der letztliche Kern aus Protagonisten und antagonistischen Kräften, der beiderseitige Konflikt, sowohl auf Seiten des verfluchten Kapitäns, als auch der hübschen Katharina, die beide ihrem Willen nach für einander bestimmt sind, der Kapitän jedoch letztlich an seinem inneren Konflikt scheitert und im Versuch, Katharinas Leben vor dem Fluch zu retten und vor der harten Prüfung bewahren, ihm für immer treu zu sein, sie letztlich in den Freitod treibt, offenbart in jeder Minute was der Begriff „Schauerromantik“ bedeutet.

Getragen wird das Hörspiel von den Sprechern, insbesondere durch die Leistungen von Roland Hemmo, Dascha Lehmann, Barbara Adolph, Wolfgang Condrus und natürlich David Nathan, der dem verfluchten Kapitän genau das richtige Maß an Tragik und Verzweiflung einhaucht.

Wie immer gibt es auch in dieser Folge keine Fauxpas seitens der Sprecherleistungen zu vermelden; Gruppe und Bosenius haben ein -wortwörtlich- unheimlich gutes Gespür dafür, wie sie die Sprecherinnen und Sprecher zu wahren Höchstleistungen führen.

Auch musikalisch gerät das vorliegende Werk ebenfalls zu einer der besten Folgen der Reihe. Oft wird auf die Oper von Wagner verwiesen – kein Wunder also, daß es beeindruckend und regelrecht pompös zugeht und doch passt die Musik in jedem einzelnen Einsatz perfekt und lässt, unterstützt vom ebenfalls vorbildlichen Einsatz von Geräuscheffekten, eine Atmosphäre entstehen, der sich der Hörer kaum zu entziehen vermag.

So kann auch „Der fliegende Holländer“ aus dem Hause Titania Medien einzig mit einer deutlichen Empfehlung bedacht werden. Durch die Verquickung aus bestechendem Skript, den zugänglichen Charakteren, perfekt agierenden Sprecherinnen und Sprechern, einer absolut wasserdichten musikalischen und effektmäßigen Untermalung, sowie einer daraus resultierenden, unglaublich dichten Atmoshäre, untermauern Gruppe und Bosenius einmal mehr ihre Fertigkeit, in Zeiten von in Blut ertränkten Schockern mit filigranen und in der Tat schaurig-romantischen Klassikern einen Gegenpol zu setzen, der nicht mit dem Ende der CD in Vergessenheit gerät.

» Offizielle Website von Titania Medien
» „Der fliegende Holländer“ inkl. Hörprobe bei Titania Medien
» Wikipedia-Eintrag: „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner
» Wikipedia-Eintrag: Heinrich Heine