H.P. Lovecraft: Berge des Wahnsinns

Juli 23, 2008

H.P. Lovecrafts Bibiothek des Schreckens: Berge des Wahnsinns

Ein Hörbuch von LPL Records.
Regie: Lars-Peter Lueg
Erzähler: David Nathan
Umfang: 5 Audio-CDs
Erstveröffentlichung: 2008.
Laufzeit: ca. 346 Minuten.
ISBN-Nr.: 978-3-7857-3522-0
EAN-Nr.:  9783785735220

Inhaltsangabe des Verlags:

Bei einer Antarktis-Expedition stoßen Wissenschaftler auf die gefrorenen Leichen seltsamer Wesen. Angetrieben von unstillbarem Wissensdurst entdecken die Forscher ein riesiges, bis dahin unentdecktes Gebirge. In diesen Bergen des Wahnsinns stoßen sie auf eine verlassene, düstere Stadt, die scheinbar von den unbekannten Kreaturen erbaut wurde. Aber dann machen sie eine grauenhafte Entdeckung …

Rezension von Ronny Schmidt

Howard Philips Lovecraft dürfte wie kein zweiter Autor, das Horrorgenre repräsentieren. Geradezu legendär ist sein Cthulhu-Mythos, jener fantastische Rahmen um die „Großen Alten“, der sich bis in die heutige Zeit zahlloser Interpretationen erfreut und zur Inspiration ebenso zahlreicher und grundverschiedener Werke unterschiedlichester Coleur dient.

Lars-Peter Lueg, seines Zeichens Verlagschef von LPL, hat „es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Grauen aus kalten Kellern und feuchten Grüften hinaus in die Welt der Lebenden zu tragen“ – und das gelingt ihm seit Jahr und Tag mit den Hörbüchern seines Verlags ganz hervorragend.

Den Cthulhu-Mythos griff man in dieser Hörbuchreihe bereits öfters auf; mit „Berge des Wahnsinns“ hat man sich nun allerdings das Aushängeschild, gleichsam aber auch die Demystifikation“ dieses Mythos vorgenommen – und eine ungemein fesselnde, geradezu hypnotische Lesung geschaffen, die sämtliche Stärken Lovecrafts vereint, sei es seine Wortwahl, die für derartige Literatur eigentlich ungewöhnlich komplexen Satzbauten, die kalte, teils morbide Atmosphäre, sein Gespür dafür, aus den Tagebucheinträgen seines Akteurs eine umfassende und schlicht beeindruckende Erkundungsreise ins Unheimliche zu machen.

David Nathan besticht als Erzähler – einmal mehr. Er lebt diese, zugegeben schwierige, Vorlage regelrecht, und schafft sogar die gemeinhin unglaublich schwierige, eigentlich unlösbare Aufgabe, aus diesem „Qausi-Tagebuch“ einen „Film im Ohr“ zu erzeugen, obschon der beschreibende Stil eben dies hätte verhindern können. Können, wie gesagt, denn Nathans Leistung ist beeindruckend und so wird aus „Berge des Wahnsinns“ in Hörform ein hypnotischer Strudel aus wissenschaftlicher „Trockenheit“ und beängstigenden Szenarien, unterschwelliger Bedrohung, der den Hörer in der Tat bis zur wortwörtlich letzten Sekunde festhält. Es ist faszinierend, wie galant Lueg und in Ausführung Nathan die „Todesklippe“, die sich durch den Stil der Vorlage freilich ergibt, umfahren und eine schlicht brilliante Hörproduktion abliefern, die man durchaus als Synonym für „Scientific Horror“ bezeichnen kann und der bislang eher „traditionell-übernatürlichen“ Betrachtungsweise der „Großen Alten“ eine wissenschaftliche, jedoch ebenfalls ungemein unheimliche Wendung gibt.

Lesungen bei LPL sind seit Beginn an eng mit den faszinierenden Klängen Andy Materns verbunden und auch „Berge des Wahnsinns“ beweist einmal mehr Materns Gespür für Atmosphärenerzeugung via elektronischer Klänge. Materns Stücke in Kombination mit Nathans Leistung erzeugen ein schier überwältigendes Gesamtwerk und der Hörer fühlt sich regelrecht an den Ort des Geschehens versetzt, spürt die Kälte des ewigen Eises und die Bedrohung der bizarren Begebenheiten und der titelgebenden Gebirge mit ihren sonderlichen Gebilden und Überresten einer unbekannten Spezies.
„Berge des Wahnsinns“ – eine verdammt schwierige, indes wegweisende Vorlage entpuppt sich in Hörform als schlicht brillianter Eintrag der Hörbuchreihe „H.P. Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, für mich sogar der bislang mit Abstand beste Eintrag.
David Nathan besticht mit einer schlicht beeindruckenden Leistung und Andy Materns musikalisches Können lässt in Kombination mit Nathans Leistung ein überwätligendes, atmosphärisch extrem dichtes Gesamtwerk entstehen. Die bislang definitiv beste Lovecraft-Vertonung – ein hypnotischer Strudel, der erst mit dem Ende der letzten CD endet.

Weiterführende Links:


Zuletzt gehört

Juli 22, 2008

Die Welle

Die Welle -- Hörspiel von Sven Stricker

Nach dem Roman von Morton Rhue
Regie: Sven Stricker
Sprecher: Gernot Endemann, Christian Stark u.a.

In Die Welle beginnt alles mit einem Film über den Holocaust.
Der junge Lehrer Ben Ross zeigt den Schülern der Gordon High School Bilder von ausgermergelten Juden im Konzentrationslager. Alle sind angewidert und entsetzt, aber eine Gruppe um Laurie Saunders von der Schülerzeitung kann und will nicht glauben, dass Menschen zu derlei Grausamkeiten überhaupt fähig sind. Um sie und andere zu überzeugen, startet Ross ein Experiment, dass auf fast unbemerkte Art und Weise Methoden der Diktatur installiert. Und plötzlich zerfällt der Klassenverbund in Opfer und Täter — bis die Situation auf schreckliche Weise eskaliert.

Viele Schüler dürften „Die Welle“ aus der Schule kennen und wie kaum ein anderes Buch hat sich Morton Rhues Werk sich zur „Quasipflicht“ etabliert – und nicht ohne Grund. In kompremierter Form bekommt man hier serviert, wie einfach Menschen dem Phämonen „Faschismus“ verfallen können. Es ist keine moralisch-triefende Angelegenheit, sondern „nur“ ein Spiegel, den man vorgehalten bekommt, ohne daß daraus der „Na na na, *du* bist Schuld. *Du* ganz allein!“-Zeigefinger hervorgeschossen kommt.

Sven Stricker, der unter anderem auch ‘Pompeji’, ‘Die Schatzinsel’ und ‘Dracula’ inszenierte, bewies auch in diesem „Frühwerk“ sein Gespür für spannende und mit einigen Regiekniffen aufwartende Unterhaltung, wobei: Unterhaltung ist dieses Werk nur im weitesten Sinne.

Von den Sprechern sind wohl Gernot Endemann und Chrstian Stark die bekanntesten und Endemann bietet hier eine beeindruckende und gegen Ende -im positiven Sinne- regelrecht gruselige Leistung. Ansonsten werden die Sprecherinnen und Sprecher durch eine gute Regie zu ebensolchen Leistungen gebracht. Grundsolide, im Falle Endemann schlicht atemberaubend.

Geräusche werden nicht des Eigenzwecks halber eingesetzt, passen und lassen eine lebendige Welt entstehen; auf Musik wird nahezu gänzlich verzichtet, was dem Realismus indes ungemein zuträglich ist.

„Die Welle“ ist nicht nur als Buch Pflichtprogramm. Die Thematik wird wohl auch auf absehbare Zeit leider aktuell bleiben und somit kann ich dieser Hörproduktion nur eine doppelte Empfehlung aussprechen: A. der Thematik wegen und B. einfach deshalb, weil das Hörspiel verdammt gut produziert ist.

Weiterführende Links:
Wikipedia-Eintrag zum Experiment „The Third Wave“
„Die Welle“ bei amazon.de


Zuletzt gesehen

Juli 8, 2008

Chocolat

Mit Juliette Binoche, Carrie-Ann Moss, Judi Dench, Alfred Molina, Johnny Depp, Peter Stormare u.a.

Regie: Lasse Hallström

Ende der 50er Jahre weht der Nordwind die zauberhafte Vianne und deren kleine Tochter Anouk in das französische Dörfchen Lansquenet-sous-Tannes, das seit dem Mittelalter allen Modernisierungsbestrebungen erfolgreich widersteht. Dort wünscht man sich nichts sehnlicher als seine Ruhe. Doch genau die bekommt man mit der resoluten Frau gerade nicht, die mitten in der Fastenzeit in Kirchennähe eine Chocolaterie eröffnet. Die bigotte Dorfgemeinde geht auf die Barrikaden – aber Vianne versteht sich mit geradezu magischem Geschick zu wehren…

Ein fantastischer und fantastisch gemachter Gute-Laune Film, der mit einem riesigen Staraufgebot Schauspiel in Reinkultur auf den Bildschirm bringt. Herrausragend sind vor allem Alfred Molina als bärbeißiger Bürgermeister, der sich mit Juliette Binoche, bzw. ihrer Chocolateriebesitzerin schon ein Don Camillo & Peppone-artiges Duell liefert, dann natürlich Johny Depp, der -für viele weibliche Fans sicherlich vorher zu erwähnen- hier weder die Hauptrolle spielt, noch in der ersten Hälfte des Films auftaucht, und dennoch wie immer eine Präsenz hat, die viele andere blass aussehen lässt.
Und ja, man muss Judy Dench Respekt zollen. Wie die den meisten wohl nur als „M“ aus den Bond-Filmen bekante Darstellerin die alte „Schrulle“ spielt, flucht, zickig ist und trotzdem keinesfalls als schlechter, sondern eher, ja fast schon gebrochener Charakter rüberkommt, ist beeindruckend und am Ende schlicht bewegend.

„Chocolat“ war einer der Filme, die nicht mal in der Nähe meiner „Unbedingt sehen“-Liste sind, und trotzdem muss ich sagen: Gut, daß ich ihn sehen durfte, ansonsten wäre mir dieses Juwel der Schauspielerei und Erzählkunst sicherlich „durch die Lappen gegangen“.

 

The Killer

Mit Chow Yun-Fat, Danny Lee, Sally Yeh u.a.

Regie: John Woo

Profikiller Jeffrey fühlt sich für die Nachtclubsängerin Sally verantwortlich, die ein Feuerstoß aus seiner Waffe blendete. So nimmt er einen letzten Auftrag an, um mit der Prämie für den Großgangster Tony Weng der Frau seiner Träume die dringend notwendige Netzhauttransplantation zu finanzieren. Dabei kommt ihm der engagierte Jung-Cop Lee auf die Spur, doch stellen die Männer bald fest, daß sie mehr verbindet als trennt. Gemeinsam ziehen Cop und Killer in einen Krieg gegen die Heerscharen der Unterwelt.

Seit Jahr und Tag einer meiner absoluten Favoritenfilme. John Woo verstand es bereits Ende der 80er Jahre in Hong Kong Action zu inszenieren, um die ihn nicht nur die Großen des Films bewundern, sondern die auch heute, fast 20 Jahre nach der Veröffentlichung, immer noch etlichen Möchtegern-Regisseuren zeigt, wo der Hammer hängt.

Dabei ist die Action allein nicht einmal das bestechendste an Woos Meisterwerk. Vielmehr vermochte der von den Medien gern „Mozart der Verwüstung“ getaufte Regisseur hier etwas zu vollbringen, das in gängigen Actionstreifen gemeinhin selten, eigentlich gar nicht zu finden ist: Er schuf Charaktere, die Ecken und Kanten haben, die Fehler machen, aber auch Prinzipien. Woo hat hier nicht weniger inszeniert als eine Art aktualisierte „klassische Tragödie“ mit fantastischen Darstellern (Chow Yun-Fat ist einfach unschlagbar als entschlossener, dennoch keinesfalls unmenschlicher und im Inneren zutiefst zerrüteter Killer), einer kompromisslosen Geschichte über Freundschaft und Verrat, Liebe, Ehre, Verbrechen und den Tod, sowie einer Choreographie, die, wie bereits erwähnt, selbst heute noch viele moderne Actionfilme aussehen lässt wie Amateurkram.

„The Killer“ sollte man als Cineast zumindest einmal gesehen haben. Wenn ein Film die späten 80er, frühen 90er des Hong Kong Films prägte und zudem gestandene Regisseure wie Quentin Tarantino, Oliver Stone und Michael Mann beeinflusst und sie zu Reminiszenzen veranlasst, dann war es John Woos The Killer.
Aber Obacht: Auf gar keinen Fall auch nur 1ct. für die FSK-16 Fassung ausgeben – da ist der Film unguckbar, sozusagen der erste John Woo Film „mit ohne“ Schießerei. Auf jeden Fall zur 18er Fassung greifen.


Hancock (Kommentar)

Juli 8, 2008

Hancock
USA 2008
FSK-Freigabe: Ab 12 Jahren
Länge: 92 Minuten

Regie: Peter Berg

Darsteller:
Will Smith, Charlize Theron, Jason Bateman, Eddie Marsan u.a.

Verleih:
Sony Pictures.

Bundesstart: 03.07.2008

Inhalt:

Hancock (Will Smith) ist ein waschechter Superheld, auf den Los Angeles allerdings verzichten könnte. Mit seinen unglaublichen Taten rettet er zwar unzählige Leben, hinterlässt aber eine unwahrscheinliche Spur der Verwüstung. Derart missverstanden vegetiert er als verbitterter Alkoholiker auf der Straße – bis er PR-Agent Ray (Jason Bateman) rettet. Der revanchiert sich mit einer Imagekampagne – ohne zu ahnen, dass seine Frau (Charlize Theron) Hancock nur zu gut kennt.

Quelle: http://www.kino.de/kinofilm/hancock/104109.html

Kurzkommentar:

Man *kann* durchaus eine Komödie mit ernsten Untertönen drehen. Umgekehrt kann man durchaus auch einen ernsten Film mit komödiantischen Untertönen drehen. Dies erfordert jedoch ein ausgewogenes Maß beider Zutaten und einen guten Drehbuchautoren und vor allem im Schnitt jemanden, der eben selbige Gratwanderung zu Vollziehen in der Lage ist… was bei „Hancock“ leider nicht klappte. Der Zuschauer weiß, ebenso wie die Geschichte und der Schnitt, nicht, wohin man will und woran man letztlich ist (in etwa das befürchtete „Ultravilolet“-Gefühl, wo Sony ja auch meinte „Och, wir schneiden den Film mal eben komplett um und setzen die Akzente anderes).

Die Idee zu „Hancock“ ist klasse, ohne Frage – die Umsetzung allerdings, naja.

6 von 10 Weinflaschen.

PS: Hoffe dennoch auf einen zweiten Teil – die Idee ist nämlich zu gut, um sie durch den Erstling kaputtmachen zu lassen.

Offizielle Website zum Film:
» http://www.hancock-derfilm.de/


Gruselkabinett -22- : Der fliegende Holländer

Juli 2, 2008

Gruselkabinett -22- : Der fliegende Holländer
nach Heinrich Heines „Die Memoiren des Herren von Schnabelewopski“.

Der fliegende Holländer. Ein Hörspiel nach Motiven von Heinrich Heine. Titania Medien, 2008.

Ein Hörspiel von Marc Gruppe.
Umfang: 1 Audio-CD.
Erstveröffentlichung: November 2007.
Laufzeit: ca. 60 Minuten.
ISBN-Nummer: 978-3-7857-3350-9.

Es sprechen:
David Nathan, Wolfgang Condrus, Roland Hemmo, Barbara Adolph, Uli Krohm, Simon Jäger, Tommy Morgenstern, Nicolas Artajo, Thomas Nero Wolff, Dascha Lehmann und Heinz Ostermann.

Inhaltsangabe des Verlags:

Bis in alle Ewigkeit verflucht, muss das Geisterschiff des fliegenden Holländers die Weltmeere auf der Suche nach der ersehnten Erlösung der Mannschaft durchstreifen. Unheil droht demjenigen, der dem rotglühenden Dreimaster in stürmischer Nacht begegnet. Verderben hingegen wird dem zuteil, der sich mit dem verfluchten Kapitän des Seglers einlässt …

Rezension von Ronny Schmidt

Lang bevor Kapitän Jack Sparrow auf den zu ewigen Leben verdammten Barbossa traf, spukte eine ähnlich klingende Geschichte durch die Welt und fand sich in allerlei Kunstgattungen wieder, in denen sich zwei besonders bekannte Namen befinden. Richard Wagner, der seine gewaltige Oper 1843 uraufführte – und diese nie hätte komponieren können, wäre er nicht einige Jahre zuvor über Heinrich Heines „Die Memoiren des Herren von Schnabelewopski“ gestolpert.

Auf Motiven selbiger basiert der bereits zweiundzwanzigste Eintrag in der erfolgreichen Historie von Titania Mediens „Gruselkabinett“.

Marc Gruppe und Stephan Bosenius haben sich von Anfang an der Schauerromantik verschrieben. Respektive keine sinn- und handlungslosen Metzelorgien, in denen uninteressante Klischeeinkarnationen durch langweilige Handlungsversätze, so man sie so nennen möchte, von einem Blutbad zum nächsten waten. Sowohl Gruppe, als auch Bosenius haben in den bereits über zwei Dutzend umfassenden Geschichten des „Gruselkabinetts“ bewiesen, daß es um mehr geht: Charaktere, die beim Hörer Empathie wecken und Emotionen, die nicht durch Hektoliterweise vergossenes (Hör-)Blut erzeugt werden können.

In exakt dieser Tradition präsentiert sich auch „Der fliegende Holländer“, und ist, mehr noch als die vorigen Folgen, Aushängeschild für den Begriff „Schauerromantik“. Geradezu brilliant ist die „Erzählung in der Erzählung in der Erzählung“. Das Skript ist von herausragender Qualität, offeriert diese Art der Erzählweise doch gleich etliche Fallen, die indes galant umgangen wurden. Der letztliche Kern aus Protagonisten und antagonistischen Kräften, der beiderseitige Konflikt, sowohl auf Seiten des verfluchten Kapitäns, als auch der hübschen Katharina, die beide ihrem Willen nach für einander bestimmt sind, der Kapitän jedoch letztlich an seinem inneren Konflikt scheitert und im Versuch, Katharinas Leben vor dem Fluch zu retten und vor der harten Prüfung bewahren, ihm für immer treu zu sein, sie letztlich in den Freitod treibt, offenbart in jeder Minute was der Begriff „Schauerromantik“ bedeutet.

Getragen wird das Hörspiel von den Sprechern, insbesondere durch die Leistungen von Roland Hemmo, Dascha Lehmann, Barbara Adolph, Wolfgang Condrus und natürlich David Nathan, der dem verfluchten Kapitän genau das richtige Maß an Tragik und Verzweiflung einhaucht.

Wie immer gibt es auch in dieser Folge keine Fauxpas seitens der Sprecherleistungen zu vermelden; Gruppe und Bosenius haben ein -wortwörtlich- unheimlich gutes Gespür dafür, wie sie die Sprecherinnen und Sprecher zu wahren Höchstleistungen führen.

Auch musikalisch gerät das vorliegende Werk ebenfalls zu einer der besten Folgen der Reihe. Oft wird auf die Oper von Wagner verwiesen – kein Wunder also, daß es beeindruckend und regelrecht pompös zugeht und doch passt die Musik in jedem einzelnen Einsatz perfekt und lässt, unterstützt vom ebenfalls vorbildlichen Einsatz von Geräuscheffekten, eine Atmosphäre entstehen, der sich der Hörer kaum zu entziehen vermag.

So kann auch „Der fliegende Holländer“ aus dem Hause Titania Medien einzig mit einer deutlichen Empfehlung bedacht werden. Durch die Verquickung aus bestechendem Skript, den zugänglichen Charakteren, perfekt agierenden Sprecherinnen und Sprechern, einer absolut wasserdichten musikalischen und effektmäßigen Untermalung, sowie einer daraus resultierenden, unglaublich dichten Atmoshäre, untermauern Gruppe und Bosenius einmal mehr ihre Fertigkeit, in Zeiten von in Blut ertränkten Schockern mit filigranen und in der Tat schaurig-romantischen Klassikern einen Gegenpol zu setzen, der nicht mit dem Ende der CD in Vergessenheit gerät.

» Offizielle Website von Titania Medien
» „Der fliegende Holländer“ inkl. Hörprobe bei Titania Medien
» Wikipedia-Eintrag: „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner
» Wikipedia-Eintrag: Heinrich Heine


David Ignatius: Der Mann, der niemals lebte

Juli 1, 2008

David Ignatius
Der Mann, der niemals lebte

Gelesen von Johannes Steck.

Der Mann, der niemals lebte. Hörbuch gelesen von Johannes Steck. Erschienen bei Audiobuch, 2008.

Umfang: 6 Audio-CDs.
ISBN: 978-3-89964-302-2

In europäischen Großstädten explodieren Autobomben der al-Qaida. Die CIA ist ratlos: Wer ist der Drahtzieher der Attentate? Wie können die geheimen Pläne der Terrororganisation aufgedeckt und vereitelt werden? Jeder Versuch der verbündeten Geheimdienste, einen Maulwurf bei al-Qaida einzuschleusen, schlug bisher fehl.
Da kommt der in Jordanien stationierte CIA-Agent und Nahost-Experte Ferris auf eine geniale Idee: Wenn man die Organisation nicht infiltrieren kann, muß man eben so tun als ob.
Ausgestattet mit brisanten Unterlagen wird eine Leiche im Libanon plaziert. Und tatsächlich: Das trojanische Pferd erzielt seinen gewünschten Erfolg. Doch dann wird Ferris plötzlich selbst entführt und muß sich erstmals fragen, welchen Preis er für die Verteidigung seiner Prinzipien zu zahlen bereit ist …

Rezension von Ronny Schmidt.

Ein Thriller, der sich den „Krieg gegen den Terrorismus“ zum Thema nimmt, kann völlig danben gehen. Glücklicherweise ist David Ignatius dieses Dilemma erspart geblieben, denn mit „Body of Lies“, bzw. „Der Mann, der niemals lebte“ liefert er den Beweis dafür, daß intelligente Agententhriller keine triefenden Klischees brauchen, um zu funktionieren.

Gleich vorweg: Wer „heroische Amerikaner schlagen bösen, bösen Terroristen (natürlich islamistischen Glaubens) wieder so richtig klischeebeladen ein Schnippchen“ erwartet, sollte sich andere Kost suchen. Ignatius hat keine saubere CNN-Variante gezaubert, sondern einen Roman, der auf beiden Seiten, sowohl der Amerikaner, als auch der Araber, das triefende Schwarz/Weiß-Getue verbannt und zeigt, daß auf beiden Seiten Menschen agieren, die manipulieren können, die betrügen, belügen, aber auch lieben und für ihre Prinzipien eintreten können.

Nun ist „Der Mann, der niemals lebte“ kein Islam-Bashing, ebensowenig wie ein Anti-Amerika Pamphlet. Und dabei kommt Ignatius gänzlich ohne „erhobenen Zeigefinger“ aus, einfach nur indem er Charaktere agieren lässt und keine von Wahlkampfplakaten und Fahndungslisten entliehene, eindimensionale Klischees. Exemplarisch hat der „normale“ Held in Agenthrillern immer eine reine Weste, schafft ohne ernsthafte Probleme alles – nur hat Roger Ferris weder eine reine Weste, noch durchschreitet er das Intrigenspiel ohne Blessuren.
Andersrum agieren auch die sonst in ähnlichen Romanen immer als rückständig und/oder sinnlos brutal agierenden Araber hier auch nicht den allseits bekannten Klischees entsprechend. Und auch die amerikanische CIA, insbesondere personifiziert durch Ed Hoffman, bekommt eine ordentliche Portion Kritik an der amerikanischen Überheblichkeit den Arabern gegenüber ab, also imho durchaus realistisch(er) als viele andere Romane dieses Genres.
Niemand hat in diesem Thriller den „Gut“- oder „Böse“-Schein in reinem Schwarz oder reinem Weiß gepachtet – das darzustellen und vor allem als essentiellen Bestandteil seiner bitterböse durchdachten Handlung zu etablieren, ist Ignatius perfekt gelungen.

Vorgetragen wird das Ganze von Johannes Steck, der beispielsweise bereits im Hörbuch zu Simon Becketts „Die Chemie des Todes“ bewies, daß er nicht nur eine verdammt markante, sondern auch eine passende Stimme hat, wenn es darum geht, Thriller zu tragen.
Und auch hier erweist sich Steck als Glücksgriff. Er haucht den Figuren Leben ein, variiert den Tonus seiner Stimme entsprechend und lässt auch den hier und da nötigen arabischen Dialekt passend und imo (in meinen Ohren) nicht unfreiwillig komisch einfließen. Steck verleiht zudem den Emotionen der Akteure Gewicht. Er schreit, er röchelt, er flucht – und lässt durch die Authentizität den „Film im Kopf“ entstehen.

Bleibt als Fazit: „Der Mann, der niemals lebte“ gehört in die Sammlung eines jeden, wirklich jeden Agententhriller-Fans, der einem Schuß Realismus nicht abgeneigt ist. David Ignatius ist ein brillianter Thriller gelungen, der den Hörer in eine ziemlich ungeschönte Welt der Spionage zieht und auf tumbe Schwarz/Weiß-Malerei verzichtet.
Vorgetragen von einem verdammt gut aufgelegten Johannes Steck, avanciert „Der Mann, der niemals lebte“ zu einem ungheuer intensiven „Film im Kopf“, den sich Hörbuchfans im Gesamten, Thrillerfreunde im Besonderen definitiv nicht entgehen lassen können.

Der Roman wird derzeit von Ridley Scott (Alien, Blade Runner, Gladiator, Black Hawk Down, Thelma & Louise, 1492) verfilmt. In den Hauptrollen Leonardo DiCaprio und Russell Crowe.
Geplanter Bundesstart: 23. Oktober 2008.

Weiterführende Links:
Offizielle Website von Johannes Steck
Offizielle Website Audiobuch Verlag


Jean-Christophé Grange: Das Imperium der Wölfe

Juli 1, 2008

Jean-Christophe Grangé:
Das Imperium der Wölfe

Gelesen von: Joachim Kerzel.

Das Imerpium der Wölfe. Hörbuch gelesen von Joachim Kerzel. Erschienen bei Lübbe Audio, 2008.

Inszenierte Lesung.
Umfang: 6 Audio-CDs.
Erschienen bei Lübbe Audio, 2008.

Als im Pariser Türkenviertel drei unglaublich grausame Morde an
rothaarigen Frauen geschehen, tritt Inspektor Paul auf den Plan.
Was zunächst wie die Tat eines wahnsinnigen Serienmörders wirkt,
steht schon bald in Zusammenhang mit der türkischen Mafia.
Bei den Opfern handelt es sich offenbar um »Fehlgriffe«, denn es
ist eine ganz bestimmte Frau, auf die es der Mörder abgesehen hat …

Rezension von Ronny Schmidt.

Bereits vor einigen Jahren schlüpfte Joachim Kerzel stimmlich in die Rolle des Hardcore-Cops im Ruhestand, Luis Schiffer. Damals als Synchronstimme von Jean Reno, kehrt er hier nun zurück in die bizarre Welt aus Wahnsinn, politischem Verschwörungsthriller und serie noir.
Die Vorlage von Grangé startet realtiv zäh, bedingt durch das Aufbauen zweier Handlungsstränge, die im weiteren Verlauf natürlich miteinander verwoben werden. Auf der einen Seite reaktiviert ein junger Polizist einen extrem brutalen, wie auch zwiespältigen Ex-Cop, auf der anderen Seite ist eine junge Pariserin auf der Suche nach der Quelle ihrer Amnesie und den Gründen ihrer immer extremer werdenden Wahnvorstellungen.
Letzteres verläuft anfangs sehr langatmig, für meinen Geschmack *zu* langatmig. Hat man jedoch diese „Startschwierigkeiten“ überwunden, legt die Handlung an Tempo zu und man fühlt sich alsbald wieder regelrecht „heimisch“ in Grangés düster-brutaler Welt der Beklemmung.

Einziges weiteres Manko: Grangé baut neben dem Charakter der Anna Aimes sein „dynamisches Duo“ auf: Zwei Cops, die sich gegenseitig brauchen, aber bei denen man nie weiß, ob und wer wen eventuell verlädt. Und auf einmal spielen beide keine Rolle mehr? Ok, bei einem ist es nachvollziehbar, bei Nr. 2 indes wirkt es durchaus befremdlich, frei nach dem Motto: „Huch – war da noch jemand? Naja, egal.“
Inszenierte Lesung – da hat der geneigte Hörer natürlich direkt die von Lübbe Audio selbst gelegte Meßlatte „im Ohr“, doch auch hier braucht es einige Zeit, bis man sich „warmgelaufen“ hat. Setzte man beim „Herz der Hölle“ oder besonders beim „Flug der Störche“ auf akzentuierenden Einsatz von Musik und Effekten, so aast man zu Beginn regelrecht mit der Musik rum. Ellenlang wummert düstere Musik durch die Pathologie, akzentuiert nicht, sondern „ertränkt“ Szenen regelrecht.
Doch wie auch bei der Handlung, steigert man sich hier enorm. Zwar toppt man keinesfalls „Das Herz der Hölle“ oder den mit dem Ohrkanus als beste Lesung 2007 ausgezeichneten „Flug der Störche“, doch viel fehlt nicht um erneut in dieser erstklassigen Liga zu spielen.
Joachim Kerzel als Erzähler – was soll, oder besser: kann man noch schreiben, was nicht schon zig mal geschrieben und gesagt wurde? Kerzel ist ein Stimmmeister, ein Virtuose, der die unterschiedlichsten Stimmungen und Atmosphären allein Kraft seiner unvergleichlichen Stimme greifbar und zu einem Hörerlebnis macht.

„Das Imperium der Wölfe“ macht da keine Ausnahme: Kerzel ist und bleibt ein Gigant, der auch dieses Hörbuch einmal mehr zum Erlebnis macht.

Fazit: Auf Grund der Vorlage und der inszenatorischen „Warmlaufphase“ nicht so stark wie „Das Herz der Hölle“ und „Der Flug der Störche“, aber für Fans des französischen Thriller-Meisters allemal eine Empfehlung.


Gesehen und für gut befunden

Juli 1, 2008

John Rambo

Nach den teils doch arg seltsam anmutenden Teilen 2 und 3 führt „Sly“ nun selbst Regie und beschert dem alten Recken ein würdiges Ende. Hätte nicht erwartet, daß der Film überzeugen kann – tut er aber.

Driving Lessons

„Die Weasleys sind wieder da“, möchte man meinen, wenn man die Besetzung des Films durchliest. Doch weit gefehlt: Zwar sind mit einer brillianten Julie Walters und einem ganz und gar nicht „Ron-igen“ Rupert Grint zwei Darsteller der beliebten Magierfamilie zu sehen, doch glücklicherweise inszenierte Regisseur Jeremy Brock die beiden komplett anders.
Streckenweise extrem komisch, aber immer gefühlvoll und durchaus mit ernstem Unterton – und sehr britisch.


F. Paul Wilson: Handyman Jack – Schmutzige Tricks (gelesen von Detlef Bierstedt)

Juli 1, 2008

F. Paul Wilson:
Handyman Jack: Schmutzige Tricks

Handyman Jack - Schmutzige Tricks. Hörbuch gelesen von Detlef Bierstedt. Erschienen bei LPL Records, 2008.

Gelesen von: Detlef Bierstedt
Regie, Produtkion & Dramaturgie: Lars-Peter Lueg
Schnitt, Musik & Tontechnik: Andy Matern
3 Audio-CDs | ungekürzte Lesung
Erschienen bei LPL Records, 2008.

Wenn der Abfluß mal verstopft ist, sollte man Handyman Jack lieber nicht rufen.
Jack repariert nämlich andere Sachen: Probleme, mit denen sonst niemand fertig wird. Er kümmert sich für gutes Geld darum, daß Unrecht bestraft wird.
Dabei verlässt er sich auf eine Kombination aus Können und Dreistigkeit.
Handyman Jack ist ein Held – aber auch ein Rätsel. Er lebt im Untergrund.
Niemand kenn seine Identität. Jack verkörpert eine tödliche Mischung aus
„Zorro“ und Bruce Willis.

Rezension von Ronny Schmidt

Wenn Stephen King und Dean Koontz nahezu unisono auf ein Werk regelrecht abfeiern, dann hat dies durchaus Signalwirkung. Wenn sich King zudem noch als „Präsident des Handyman Jack Fanclubs’ zu Lobeshymnen hinreißen lässt und Koontz die Figur von F. Paul Wilson als „eine der originellsten und faszinierendsten Figuren zeitgenössischer Literatur“ beschreibt, dann sollte man vielleicht mal mehr als nur ein Auge oder ein Ohr riskieren.

In der Tat, die Geschichte um das „Phantom“ Jack zieht einen von der ersten Sekunde an in ihren Bann. Wilson schafft es, den Hauptcharakter nebst seiner Fähigkeiten, aber auch seiner liebenswerten Spleens in packenden Geschichten agieren zu lassen, die Thrillerunterhaltung mit, insbesondere in «Zwischenspiel im Drugstore» vorhandenem, triefend schwarzem Humor verquicken, daß es einem Quentin Tarantino zu Ehren gereichte. Jack selbst kommt dabei wie eine Kreuzung aus Ein-Mann-Version des „A-Teams“ und John McClane daher.
Die Stories sind hart, schnell, spannend und „pulp“. Wilson hetzt seinen Hauptcharakter durch irrwitzige, teils geradezu abstruse Situationen, gesatattet ihm „Macken“ wie die alljährliche Kranzniederlegung auf dem Empire State Building zu Ehren King Kongs oder Shurikentraining mit Kakerlake – und all dies ohne daß dieser scheinbare Widerspruch zwischen  Suspense und Humor negativ zu Buche schlägt, im Gegenteil: Es zeichnet gerade die Einführung aus und passt perfekt in die Welt des titelgebenden „Handyman“.

Handlungstechnisch spielen sich drei Geschichten in diesem Hörbuch ab, alle drei gänzlich unterschiedlich und zu keinem Moment auch nur ansatzweise langweilend. Diese schräge Tour de force scheint auch Erzähler Detlef Bierstedt zu gefallen, denn mit hörbarem Spaß an dieser skurilen Figur agiert er, wie ich ihn bislang noch nicht als Erzähler erlebte. Nicht distanziert, sondern“ mittendrin“, Bierstedt spielt die unterschiedlichen Figuren, verleiht ihnen eine jeweils passende Coleur und reißt den Hörer von Anfang an mit in die Welt des Autors und die irrwitzigen Episoden um den Titelcharakter. Detlef Bierstedt liefert hier eine in jedem Punkt grandiose Erzählung ab, bringt genau die richtige Portion augenzwinkernder „Unernsthaftigkeit“ ein, die zu den harten und ja, auch durchaus brutalen Thrillparts den für Pulp typischen Gegensatz bildet und die man wunderbar hätte überspitzen können.
So gelingt Bierstedt jedoch die Wanderung auf diesem äußerst schmalen Grat zwischen reinem Thrillermodus und dem schwarzen Humor Wilsons auf brilliante Art und Weise.

Mit „Handyman Jack“ lässt LPL Records eine neue und äußerst gelungene Hörbuchreihe auf den Markt los, die sich wie Tarantinos Filme gewohnten Konventionen verschließt, dafür jedoch als völlig (positiv) irre Spielwiese mit interessanten Charakteren, einer ordentlichen Portion Härte und nicht zuletzt mit packenden Geschichten und einer Prise Augenzwinkern erfrischend anders und unkonventionell daherkommt.
Thrillerfreunde im Gesamten und „Pulp“-Liebhaber im Besonderen kommen an dieser Reihe nicht vorbei. Jack rockt!